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28. März 2018

Gartenschätze der Region und ihre Retter


Felicitas Wehnert stellt in ihrem neuesten Buch Geschichten um alte Obst- und Gemüsesorten vor, u. a. über den Dickkopfweizen.

Blauhilde und Neckarkönigin, die Salate Wunder von Stuttgart und Esslinger Brauner Markt, Stuttgarter Geißhirtle oder Ermstäler Knorpelkirsche, einst gab es eine Fülle an regionalen Obst- und Gemüseorten. Einige werden gerade wiederentdeckt und neu wertgeschätzt, andere sind verschollen oder haben nur noch in Museumsgärten überlebt.

Allein über 200 Salatsorten gab es bis in die 1930er Jahre, mehr als 50 Gemüsearten haben die Bezeichnung Stuttgart im Namen, und Ulmer Gemüse und Spargel waren einst weithin bekannt und beliebt. Dahinter steckte eine Vielfalt an Geschmack aber auch eine Fülle an Geschichten. Und genau diese Geschichten haben die Nürtinger Buchautorin und vor ihrem Ruhestand langjährige Leiterin der SWR Landesfeature Fernsehredaktion Felicitas Wehnert gereizt. „Die lila gesprenkelte Langenauer Stangenbohne erzählt eine Auswanderergeschichte“, erklärt sie. Die Donauschwaben nahmen sie mit ins Banat, um dort etwas Bekanntes zum Essen zu haben. Umgekehrt wurde die Tomate erst mit den italienischen Arbeitsmigranten hier heimisch. Herr Jakob Fischer, dessen Name als Apfelsorte überdauerte, war ein sangesfreudiger Bauer aus dem Oberland und die Schwarze Birne aus dem Neuffener Tal gibt nicht nur einen wunderbaren Birnenschaumwein sondern zeugt auch von der Geschichte der Landschaft.

Wie mit dem Verschwinden der Hausgärten und der verstärkten Nachfrage der Lebensmittelindustrie nach transport- und lagerfähigen Tomaten und Erdbeeren viele der alten Sorten in Vergessenheit gerieten, beschreibt die Autorin ebenso, wie in Gartenwinkeln und auf Streuobstwiesen doch einiges überlebte. Mit detektivischem Spürsinn haben sich Liebhaber der regionalen Vielfalt aufgemacht, traditionelle regionale Obst- und Gemüsesorten, die oft nur noch in historischen Gartenbüchern beschrieben sind, wieder aufzuspüren.

Für Prof. Roman Lenz, Dekan an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und Professor für Landschaftsplanung und Pflanzenökologie müsste der Denkmalschutz nicht nur für Gebäude, sondern auch für Pflanzen gelten.  Die Vielfalt der historischen Sorten ist für ihn eine „Kulturleistung der Menschen, die durch Kreuzung und Selektieren einen Reichtum geschaffen und aus einer einzigen Art viele Varietäten herausgezüchtet haben“, die es zu erhalten gilt. Neben dem Geschmack und der Vielfalt gibt es für den Wissenschaftler noch einen weiteren Grund, warum die alten Sorten eine Zukunft haben. Je mehr Sorten mit unterschiedlichen Eigenschaften, desto größer ist der genetische Pool, aus dem auf klimatische Veränderungen reagiert werden kann. Um zu retten, was noch zu retten ist, hat er das „Genbänkle“ mitbegründet, eine internetbasierte Plattform zum Austausch über alte Sorten.

Für seinen Kollegen, den Spezialisten für historische Getreidesorten, Jan Sneyd, und langjähriger Professor für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der HfWU, ist es wichtig, dass die alten Sorten auch ihre Abnehmer finden, damit sie überleben können. Deshalb hat er den Schwäbischen Dickkopf-Landweizen zusammen mit dem Bäckerhaus Veit rekultiviert, das daraus ein „Dickköpfle Vollkornbrot“ entwickelt hat.

Zehn dieser Sortenretter stellt Autorin Felicitas Wehnert im Buch vor, darunter etliche aus der näheren Region: Neben den beiden Professoren der HfWU Nürtingen – dem Pflanzenökologen Roman Lenz und dem Spezialisten für historisches Getreide Jan Sneyd – auch den renommierten Winzer Helmut Dolde aus Linsenhofen, die Naturgärtnerin Lonie Geigle aus Hengen bei Bad Urach und den Pflanzendetektiv Woldemar Mammel aus Lauterach, der die Alblinse aus der Samenbank in St. Petersburg zurückholte.

Der reich bebilderte Band von Felicitas Wehnert mit Fotos von Manfred Schäffler kostet € 19,99 und ist im Buchhandel und in ausgewählten Veit Cafés und CaféHäusern erhältlich.